DFG-Projekt "Mobilier urbain. Objektkultur und öffentlicher Raum im Paris des 19. Jahrhunderts"

Projektleiter: Prof. Dr. Gregor Wedekind
Projektbearbeiter: PD Dr. Salvatore Pisani
Bewilligungszeitraum: 1. Juni 2020 – 31. Mai 2023

Projektbeschreibung
Das Forschungsprojekt wird sich den Anfängen und der Frühgeschichte des weitgehend unerforschten Stadtmobiliars im Paris der Julimonarchie und des Zweiten Kaiserreichs (1830–1870) widmen. Es verfolgt die These, dass das neuartige technische Set von Straßenlaternen, Litfaßsäulen, Sitzbänken, Zeitungskiosken, Urinoirs und vielem anderen mehr eine wesentliche Rolle bei der Ausbildung von moderner Urbanität gespielt hat. An die Stelle des vieux Paris mit seinen unbefestigten, komfortlosen Straßen war ein Paris getreten, das die Gestalt eines gediegen möblierten Interieurs annahm. Zugleich entstand ein öffentlicher Raum der Moderne, der zum Ort der egalitären Partizipation wurde. Gestaltet und choreographiert hat diesen neuen städtischen Raum – so wird behauptet – das neuartige urbane Design, das zum Unterschlagenen der Stadtbaugeschichte der Moderne gehört.
Während bisherige Untersuchungen sich vor allem einzelnen Möbeltypen gewidmet haben, wendet das Vorhaben den Blick auf das Gesamtensemble des Stadtmobiliars. Die Umakzentuierung erlaubt es, das Stadtmobiliar erstmals als ein Dispositiv zu fassen, das bestimmte Formen des Handelns dirigiert und darüber das Soziale und den öffentlichen Raum modelliert. Das Projekt fragt danach, wer den öffentlichen Raum kontrollierte, verwaltete und nach welchen Kriterien und unter welchen Bedingungen dieser gestaltet wurde. Zur Beantwortung der Fragen werden umfangreiche empirische Recherchen in Pariser Archiven und Bibliotheken durchgeführt.
Ziel des Forschungsvorhabens ist es, ein Analysemodell für die lange missachtete dingliche Dimension des modernen Stadtraums zu erarbeiten. Den komplexen sozialen Verhältnissen im öffentlichen Raum gehen genauso komplexe technische und ästhetische Bedingungen voraus, die im Rahmen eines methodisch und empirisch eng aufeinander bezogenen Forschungsdesigns erstmals systematisch untersucht werden sollen. Unser Ansatz versteht sich dabei als eine Arbeit am Konkreten, in welcher der frühen Paris-Fotografie eine wichtige Rolle eingeräumt wird. Bei der abgebildeten Nachtaufnahme von Brassaï aus dem Jahre 1930, die einen auf das Straßenpflaster urinierenden Mann festhält, obgleich hinter ihm ein Urinoir steht, wird in der ironischen Mise en scène ein 'Delinquent' in flagranti ertappt, was die Autoritätsgeste der öffentlichen Hand transparent machen soll, deren – um in der Körpermetaphorik zu bleiben – verlängerter Arm das Urinoir ist. Unser analytischer Blick fällt auf die dem Artefakt eigene strukturelle Gewalt, die sich, statt durch Akteure zu exponieren, in dinglichen Anordnungen (diskret) formatiert. Das DFG-Projekt begibt sich auf ein weitgehend unbetretenes Terrain, dessen bizarre Dingpopulation, obwohl oder gerade weil sie den Alltag bevölkert, von der Forschung bislang noch nicht wahr- und ernst genommen wurde.